Warum Kunden nach der Anfrage ghosten. Und wie du das mit der richtigen Kommunikation verhinderst.

Was die meisten Artists als erstes schicken

Eine Anfrage kommt rein. Motiv: kleines Blumenmotiv, Unterarm. Vielleicht ein Referenzbild dabei.

Zehn Minuten später schickt der Artist: „Danke für deine Anfrage! Ich hätte den 12., 19. oder 26. Juli frei."

Fertig. Effizient. Weiter.

Der Kunde antwortet nie wieder.

Das ist kein Einzelfall. Aus der Analyse von über 4.000 Tattoo-Anfragen auf tatme.com: Zwischen 10 und 20 Prozent enden genau so, ohne Buchung, ohne Absage, ohne Erklärung. Die meisten Artists interpretieren das als Desinteresse. Meistens ist es das nicht.

Es ist ein Strukturproblem. Und es fängt mit der Reihenfolge an.

Die Preis-Falle

Wenn du als erstes Termine schickst, passiert folgendes: Du hast das Gespräch auf Terminfindung gesetzt. Die Preisfrage liegt aber noch komplett offen.

Der Kunde steckt jetzt in einer unangenehmen Position. Er kann:

a) Buchen. Ohne zu wissen, was es kostet. Das macht kaum jemand bei einem Handwerk das 100 bis mehrere tausend Euro kosten kann.

b) Nach dem Preis fragen. Klingt einfach. Ist es aber nicht. Das Gespräch hat sich schon zur Terminfindung verschoben. Jetzt nach dem Preis fragen fühlt sich an wie einen Rückzieher machen. Wie: „Eigentlich bin ich mir nicht so sicher." Das ist sozial unangenehm.

c) Ghosten. Keine Konfrontation, kein unangenehmes Gespräch. Einfach nicht mehr antworten.

Forschung zur Verhandlungsvermeidung (Hunsaker et al., Negotiation and Conflict Management Research): 95 Prozent der Menschen vermeiden Preisverhandlungen bis zu 51 Prozent der Zeit. Menschen sind bereit, 5 bis 11 Prozent mehr zu zahlen, nur um eine unangenehme Preisdiskussion zu umgehen. Das gilt nicht nur für Verhandlungen, sondern schon für das schlichte Stellen einer Preisfrage.

Übersetzt: Wenn ein Kunde nicht weiß was es kostet, fragt er lieber gar nicht als in eine Situation zu kommen, in der er zugeben muss, dass es vielleicht zu teuer ist. Ghosten ist der komfortablere Ausweg.

„Der Kunde fragt schon wenn er es wissen will." Das ist der beliebteste Satz, mit dem Artists dieses Thema wegschieben. Die Forschung sagt das Gegenteil.

Schritt 1: Nur über die Idee reden

Die Anfrage kommt rein. Bevor irgendetwas anderes passiert: Reagiere auf die Idee.

Nicht auf die Verfügbarkeit. Nicht auf den Preis. Auf die Idee.

„Das klingt toll. Erzähl mir mehr: Wo soll das hin, und wie groß stellst du dir das ungefähr vor?"

Das ist eine Nachricht. Nicht fünf.

Warum funktioniert das? Weil der Kunde spürt, dass du die Anfrage gelesen hast. Weil du echtes Interesse zeigst, bevor du über Geld oder Kalender redest. Weil du die Gesprächsführung übernimmst, ohne Druck zu erzeugen.

Platzierung und Größe sind außerdem fachlich notwendig: Du kannst keinen Preis nennen, bevor du beides weißt. Ein kleines Symbol am Handgelenk und ein florales Backpiece sind nicht dieselbe Session. Dieser erste Schritt ist kein reiner Beziehungsaufbau, er ist Grundlage für alles was danach kommt.

Und er gibt dir die Informationen, die du für das Gespräch über den Preis brauchst.

Schritt 2: Den Preis aktiv ansprechen

Sobald du Motiv, Platzierung und ungefähre Größe kennst, bringst du den Preis ins Gespräch. Ohne dass der Kunde fragen muss.

Das klingt zum Beispiel so: „Für ein Motiv in dieser Größe auf dem Unterarm liege ich ungefähr bei 180 bis 250 Euro. Der finale Preis hängt noch von der genauen Form ab, aber das gibt dir eine erste Orientierung."

Drei Dinge passieren in diesem Satz:

Erstens: Du nimmst dem Kunden die Frage ab. Er muss nicht in die unangenehme Situation, nach dem Preis fragen zu müssen.

Zweitens: Du zeigst, dass Preistransparenz für dich normal ist. Das baut Vertrauen auf, nicht das Gegenteil.

Drittens: Du gibst dem Kunden die Möglichkeit, früh auszusteigen, wenn das Budget nicht passt. Das ist kein Verlust, das ist Effizienz. Besser jetzt als nach einem Designgespräch von einer Stunde.

Der Preis im Tattooing ergibt sich aus Motiv, Größe und Platzierung. Wenn du diesen Zusammenhang beim Kunden erklärst, gibt das dem Preis eine Logik. „Das dauert ungefähr zwei Stunden, mein Stundensatz liegt bei X, deswegen kommen wir auf Y" ist kein Verkaufsgespräch. Es ist Ehrlichkeit.

Diese Preisgespräch ist außerdem die beste Gelegenheit, Vertrauen aufzubauen, bevor ein einziger Termin genannt wird. Kunden die aus unterschiedlichen Motiven buchen haben unterschiedliche Preissensitivität. Aber alle profitieren davon, wenn sie wissen, woran sie sind.

Für Artists auf tatme.com lässt sich in den Buchungseinstellungen auf tatme.com ein Deposit und ein klarer Buchungsablauf hinterlegen, der den Kunden schon vor dem ersten Gespräch orientiert. Das ersetzt das Preisgespräch nicht, es ergänzt es.

Warum unerfahrene Kunden mehr Führung brauchen

Ein Kunde mit zehn Tattoos weiß ungefähr was ihn erwartet. Er kennt Preisrahmen, Ablauf, Deposit. Er fragt gezielt.

Ein Kunde mit ein oder zwei Tattoos kennt das nicht. Er hat keine Referenz dafür, was ein mittleres Motiv kostet. Er weiß nicht, ob er nach dem Preis fragen darf. Er weiß nicht, ob seine Idee aufwändig ist oder unkompliziert.

Dieser Erstbucher navigiert blind. Wenn du die Reihenfolge nicht einhältst, Idee, Preis, Termin, spielt er ein Spiel dessen Regeln er nicht kennt.

Das ist nicht sein Versagen. Das ist fehlende Führung.

Erstbucher haben einen besonders hohen Schambedarf für sogenannte „dumme" Fragen. Den Preis zu fragen fühlt sich an wie zuzugeben, dass man keine Ahnung hat. Ghosten ist die Alternative die niemanden zwingt, das auszusprechen.

Mehr zum Erstbucher als Kundentyp, seinen Ängsten und was ihn zur Anfrage bringt: „Der Erstbucher: Kundentyp, Ängste und was ihn wirklich zur Anfrage bringt".

Was nicht funktioniert

„Der Kunde fragt schon wenn er es wissen will."

Nein. Daten und Alltagsbeobachtung zeigen das Gegenteil. Kunden die nicht fragen, sind nicht informiert. Sie sind nur höflich genug, dich damit nicht zu konfrontieren.

„Ich schicke erstmal Termine, dann sehen wir weiter."

Das Weiter kommt oft nicht. Weil du den Kunden in die Preis-Falle gesetzt hast, bevor er überhaupt weiß, ob er soll.

„Ich rede über den Preis wenn er danach fragt."

Das Gespräch kommt nicht, weil er nicht fragt. Der Kunde setzt voraus, dass du schon sagen wirst was er wissen muss. Wenn du es nicht sagst, interpretiert er das als Zeichen, dass er eben nicht mehr fragen kann.

Das häufigste Muster: Artist schickt Termine. Kunde sieht Termine. Kunde denkt: „Was kostet das eigentlich?" Kunde fragt sich, ob das unhöflich ist. Kunde entscheidet sich dagegen. Gespräch verstummt. Ghosting.

Das alles passiert, ohne dass der Kunde das Tattoo nicht mehr will. Er will es vielleicht immer noch. Er weiß nur nicht wie er jetzt noch nach dem Preis fragen soll.

Eine Sache die du diese Woche tun kannst

Nimm die nächste Anfrage die reinkommt.

Schick nicht sofort Termine. Schick stattdessen eine Nachricht die auf die Idee reagiert und nach Platzierung und Größe fragt. Sobald du das weißt, nenn den ungefähren Preisrahmen proaktiv, bevor du einen Termin erwähnst.

Erst dann: Termine.

Wenn du das bei drei, vier Anfragen hintereinander machst, wirst du etwas bemerken. Nicht nur weniger Ghosting. Auch qualitativ bessere Gespräche. Kunden die wissen, worum es geht. Buchungen die nicht halbherzig sind.

Die Reihenfolge ist: Idee, Preis, Termin. In dieser Reihenfolge.

Quellen

  1. Hunsaker D., Zhang H., Lee A.J.: Beyond Propensity: Thresholds, Costs, and Interventions in Negotiation Avoidance, Negotiation and Conflict Management Research: NCMR
  2. EurekAlert / IU Kelley School of Business Indianapolis: Why many Americans avoid negotiating, even when it costs them: EurekAlert
  3. Electrum Supply Blog: The Business of Tattooing: Turn Tattoo Consultations to Paid Bookings: Electrum Supply
Daniel Menius

Daniel Menius ist Gründer von tatme.com und baut seit über zehn Jahren Software, mit Führungserfahrung in großen und kleinen Unternehmen. Kunst und Tattoo Artists liegen ihm am Herzen. Er tauscht sich ständig aus und ist vor Ort in Studios, um echte Schmerzpunkte mitzubekommen.